Die Frühchenmama

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Wer mir auf Instagram folgt, der weiß schon etwas länger Bescheid. Aber von vorne:

Eigentlich hätte unser Sohn vor zwei Wochen und einem Tag auf die Welt kommen sollen. Eigentlich wollte ich es auch diesmal mit einer Spontangeburt versuchen – mein großer war aufgrund eines Geburtstillstandes und einem Missverhältnis (einfach zu groß) bereits ein Kaiserschnitt. Eigentlich hatte ich mir sowieso alles anders vorgestellt. Aber mittlerweile habe ich es überwunden. Diesmal auch viel schneller als beim ersten, denn ich musste ja. Ich musste von Anfang an funktionieren. Vielleicht musste ich nicht, aber ich wollte es.

Unser zweiter Sohn kam bereits am 03.04 zur Welt ca. 10 Wochen zu früh. Als ich mit einem vorzeitigen Blasensprung via Krankenwagen in die nächste Kinderklinik eingeliefert wurde, brach meine Welt zusammen. Sie brach zusammen, weil ich so unendliche Angst um das kleine Wesen in meinem Bauch hatte, wie noch nie zuvor. Aber auch die Entfernung zu meinem Mann und meinem Erstgeborenen machte mir zu schaffen. Es war kein Katzensprung von zu Hause und auch Alessio verstand nicht so recht warum Mama denn die ganze Zeit in einem fremden Bett liegt und nicht mehr zu Hause ist. Es ging auch gleich los mit all dem Medizinischen Zeug, von dem ich bisher keine Ahnung hatte aber mittlerweile mehr als mir lieb ist. Ich bekam das volle Programm: Die Lungenreife in Form von Kortison, den Wehenhemmer, Tabletten gegen Herzrasen verursacht durch den Wehenhemmer, Tabletten zur Beruhigung und Antibiotika. Wer mich kennt weiß, dass ich sonst nicht mal ein zu einem Aspirin ja sage. Gleich am nächsten Tag kam der Oberarzt und erklärte was denn so auf uns zukommen würde. Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht was er sagte. Ich weiß nur noch, dass er uns gute Chancen ausmalte. Nur noch ein paar Tage, dann sei ich ja schon in der 30 Ssw und wer die 3 davor hat fährt schonmal gut. Wenn ich es dann noch bis zur 34 Ssw schaffen würde, wäre sowieso schon fast alles gewonnen. Das waren die einzigsten Gedanken an die ich mich klammern konnte.

Wir gingen also davon aus, dass ich noch mindestens 4-6 Wochen hier im Krankenhaus liegen würde. Ich hatte Sehnsucht nach Hause und obwohl ich nur 5 weitere Tage auf der Pränatal lag, zog so langsam der Frühling ein. Mein Mann fragte bei seinem Arbeitgeber nach und wurde für 4 Wochen freigestellt. Die AOK übernahm. Wenigstens war Alessio somit versorgt und musste nicht auch noch schlimmeres erleben. Denn auch er war in dieser Zeit geprägt, mein Mann konnte kaum 5 Schritte ohne ihn gehen denn sobald er zu weit weg war brach auch Alessio’s kleine Welt zusammen. Einen Tag vor der Geburt rief ich meinen Mann morgens an und sagte ihm, dass Emilio heute kommen würde. Er wollte mich zwar beruhigen, aber ich wusste es. Danach ging es schnell: Ich bekam einen Tropf angehängt in dem etwas drin war, was Schwangere bei einer Hyperemesis gravidarum bekommen, ich war zu schwach zum Nachfragen und ehrlich gesagt war es mir egal. Aber es half. Zwar nicht lange – aber ich schlief ein. Plötzlich hatte ich Blutungen, keiner konnte sehen woher sie kamen. Laut Ultraschall konnte nichts festgestellt werden. Dann kamen die Wehen. Die Dosis des Wehenhemmers wurde erhöht und ich schlief noch mal eine Nacht. Am nächsten Tag kam das Fieber und dann war es auch schon so weit und es gab keine Zweifel mehr. Der Kleine musste raus und das ziemlich schnell. Um Punkt 15 Uhr war er da. Atmend – und das war mittlerweile das wichtigste. Ich „sah“ ihn jedoch erst stunden später. Mitsamt dem Bett wurde ich auf die Frühchenstation geschoben. Sah seine kleine Hand nur von unten. Er lag im Inkubator. Er sei aber stark wurde mir versichert. Er konnte selbstständig atmen und braucht lediglich eine Unterstützung. Ich war beruhigt oder einfach nur K.O. Oder die Opiate taten ihr übriges.

In die nächsten drei Tagen brannte die Narbe, ich setzte selbst die Menge der Schmerzmittel herunter, weil mir davon schwindelig wurde und wenn mir schwindlig war konnte ich nicht aufstehen. Wenn ich nicht aufstehen konnte, konnte ich nicht selbstständig zu meinem Sohn und war auf den Rollstuhl und die Zeit der Schwestern angewiesen. Das wollte ich nicht. Am dritten Tag also konnte ich aufstehen und meinen Sohn das erst mal richtig sehen, aber was ich da sah trieb mir die Tränen in die Augen. So klein und dünn, so zerbrechlich. In meinen Augen – die Augen einer Mutter – einfach nur hilflos und verloren und diesem blöden Inkubator. Da sollte er doch gar nicht liegen, er sollte noch in meinem warmen Bauch liegen und jetzt trennt uns dieses blöde Plastik von einander.

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In den Augen des medizinischen Personals verlief jedoch als super, so wie es halt sein sollte wenn einer in der 30 Ssw zur Welt kommt und zu meinem Erstaunen sogar besser als es sein sollte. Emilio – der Eifrige.

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Der Name stand schon von Anfang fest, aber das es so gut zu ihm passen würde, dass ahnten wir damals noch nicht. Nach vier Tagen durfte er das erste Mal raus. Känguruhen bei Mama. Er lag noch weitere 5 Wochen auf der Intensivstation, ich will nicht lügen es war eine verdammte harte Zeit. Ich entschied mich bei ihm in der Klinik zu bleiben. Trotzdem ging ich ein zwei Tage in der Woche heim um bei meinem großen Sohn zu sein und Abstand zu gewinnen. Dieser Abstand ist wirklich wichtig. Trotzdem hatte ich oft ein schlechtes Gewissen. Aber im Nachhinein, weiß ich wie gut das war. Denn der Klinikalltag ist nunmal -entschuldigung- scheiße! Irgendwann ist die Positive Energie leer, man war dankbar genug dass ja alles so gut lief und läuft, die Geduld ist so langsam auch am Ende und sowieso will man einfach nur heim und das machen was all die anderen Mütter so mit ihren Neugeborenen machen. Neben ihnen schlafen, mit ihnen spazieren gehen, k.o. sein weil man die ganze Nacht für sie da war.

Mittlerweile bin ich in etwa so lange zu Hause, wie wir in der Klinik waren. Und ja es stimmt was mir all die lieben Schwestern so sagten. Wenn ich mal zu Hause bin ist die Zeit schnell wieder vergessen. Naja vergessen wird sie zwar nie sein, aber sie ist verdaut und mittlerweile nur noch eine Erinnerung. Unserem Sohn geht es mittlerweile super. Natürlich hatten wir hier und da noch ein paar Untersuchungen und auch ab Herbst werden wir zu SPZ-Terminen gehen, aber das zieht so etwas einfach mit sich.

 

Ich habe ein paar Frühchenmamas „kennengelernt“ und wenn etwas hilft, dann ist es der Austausch mit anderen, sei es online wie bei mir oder persönlich. Deswegen habe ich mich entschieden diese Erfahrung hier zu posten. Wenn ihr Fragen habt oder einfach nur erzählen wollt, schreibt mir gerne eine E-mail oder ein Kommentar 💜

2 thoughts on “Die Frühchenmama

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